Azraels Reisen

Ein Leichenwagen und seine Erlebnisse

Seite 12 von 52

1.500 Meilen – zwei Leichenwagen – 12 Tage

(1) Die Anreise

Irgendwie befanden wir uns eigentlich immer auf Anreise irgendwohin.

Denn Grund für diese Mammut-Tour war einerseits eine Veranstaltung der Friedhofsflüsterin Anja Kretschmer – Scientia mortuorum – Von der Wissenschaft der Toten Vol. V – am 20. August im Plastinarium in Guben.

Unsere beiden „Leichen“ am Start

An dieser Veranstaltung nehmen regelmäßig die „Schwarzfahrer“ mit Ihren Wagen teil, gehört doch Anja mit Ihrer „Leiche“ auch zu uns und wir haben die Möglichkeit unser Fahrzeuge zu präsentieren.

Schließlich geht es uns auch um den Erhalt der Bestattungskultur in Deutschland, zu denen die „klassischen“ Leichenwagen einfach dazugehören – man könnte auch sagen:

Sprinter? – Nein Danke!

Und andererseits das alljährlich an anderen Orten stattfindende Leichenwagentreffen, eine Woche später, diesmal in Rostock.

Was lag also näher, als diese beiden Termine mit einer Rundreise durch den Osten Deutschlands zu verbinden – wobei sich irgendwie zwischen diesen beiden Wochenenden rund 10 Leichenwagen auf einer solchen Rundreise befanden. 😉

Da wir zu zweit, aber mit zwei Fahrzeugen unterwegs waren, konnten wir diesmal Azrael als „Lastesel“ benutzen und unser Wohn-Schlaf-Zimmer in der Lady Leiche einrichten.

Ein Kindersarg?

Ja, Ihr seht richtig – ich hatte mich entschlossen, den Sarg ebenfalls mit auf die Reise zu nehmen. Zwar nicht so offensichtlich, wie hier auf dem Bild, aber er war dabei.

Es sollte einfach so sein…

Marcel ist auch dabei

Da wir mit der Lady Leiche nicht zu lange Strecken fahren wollten, entschlossen wir uns, die Anreise nach Guben (rund 670 km) auf zwei Tage aufzuteilen.

Leipzig bot sich aus mehreren Gründen für uns als Zwischenstopp an, so dass die erste Ettape von Frankfurt nach Leipzig führte.

Auf meinen früheren Fahrten nach Leipzig ist mir immer das große Denkmal am KZ Buchenwald aufgefallen und diesen Ort wollte ich immer mal besuchen.

Was lag da näher als dies auf der Anreise zu tun?

KZ Buchenwald

Auf dem Parkplatz vor dem KZ

Alleine die Anfahrt auf der „Blutstraße“ – eine 1938/39 von Häftlingen erbaute 5 km lange Zufahrt durch den Wald zum KZ – machte uns nachdenklich.

War es eine Gute Idee ausgerechnet mit zwei Leichenwagen ein KZ zu besuchen, in dem über 56.000 Menschen ermordet wurden?

Nur aufgrund Ihrer Religion, Ihrer politischen Gesinnung, Ihrer sexuellen Identität, Ihrer Herkunft, Ihrer was auch immer?

JA – denn AzraelsReisen steht auch für #gegendasvergessen und #niewieder

Und letztlich sind wir im Tod alle gleich…

Die schiere Größe der Anlage zeigte uns deutlich vor Augen, dass es bei diesem Kurzbesuch nicht bleiben durfte und wird.

Dies ist kein Ort „im Vorbeigehen“ und wir werden auf jeden Fall wieder hierher zurückkehren – diesmal für mindestens einen ganzen Tag.

Ganz besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Bild, ein Raum, gefüllt mit 701 Metallurnen.

Der „Urnen-Raum“

Diese Urnen wurden 1997 während Renovierungsarbeiten auf dem Dachboden des Krematoriums gefunden und enthielten noch die Asche von Verstorbenen. Die Asche wurde dann später bei einer Trauerfeier bestattet.

Wer glaubt, dass sich in jeder Urne die Asche eines Menschen befand, unterliegt einem Irrglaube. In der Regel wurde die Asche wahllos auf mehrere Urnen verteilt bzw. War die Asche von mehreren Menschen auf einem Haufen.

Es schnürte uns die Kehle zu.

Lila Phase

Kann man, muss man nicht

In den vergangenen Wochen war wieder einiges los.

Blanke Motorhaube

Nicht nur, dass wir mit Hochdruck an der Lady Leiche gearbeitet haben , währenddessen standen noch zwei Wochenendtrips der musikalischen Art an:

Amphi 2022

Der Kölner Dom bei Nacht

Nach 2 Jahren Corona-bedingter Pause fand endlich mal wieder das Amphi in Köln statt.

Bei sagenhaftem Wetter und leider etwas wenig Schattenplätzen war es eine Freude endlich wieder Musik Live und Draußen zu genießen.

Im ersten Takt hatte ich überlegt, mit Azrael hinzufahren. Da Azrael dann aber vor dem Hotel nur rumgestanden hätte, sind wir auf das Alltagsauto umgestiegen.

VNV Nation auf dem Amphi 2022

Ronan Harris von VNV Nation war dann so freundlich und erinnerte uns an die Lady Leiche…

Und wieder ein Stück weiter…

Die Rostaurierte

Wie Ihr hier sehen könnt, sind die Arbeiten am Heck fast abgeschlossen. Mit der finalen Lackierung müssen dann nur noch die Spalten zwischen dem Abschlußblech und der Karosserie abgedichtet werden, dann sollte der Rost hier keine Chance mehr haben.

Vollständiges Heck

Auch die beiden Filler haben eine neue Lackierung erhalten und die Abschlußleiste, wie auch die beiden Heckflossen erstrahlen im Chromglanz.

Lila Motorhaube mit Ornamenten

Aktuell ist nun vor unserem GT2022 auch die Motorhaube in Lila getaucht – es fehlen nur noch die vorderen Türen und Kotflügel.

Warum eigentlich Lila?

Branko, der Besitzer der Lady Leiche starb vor drei Jahren an Krebs.

Seine Lieblingsfarbe war lila, allerdings nicht in dieses kräftige Lila, mit dem dieses wunderbare Fahrzeug nun erstrahlt.

Doch wie es mit RAL und Farbtönen so ist, sieht man das Ergebnis erst dann, wenn es vollendet ist.

Vollendet ist der Lack noch lange nicht, den hier handelt es sich „nur“ um die Grundierung. Wie die Lady Leiche final aussehen wird…

#staytuned

25 Jahre

Dünnhäutig

Dieses Jahr ist die Trauer wieder ganz nah, eine dünne Schicht liegt zwischen mir und dieser überbordenden Gefühlswelt, die mich droht in einem Sog zu verschlingen.

Warum ist das so? frage ich mich und gehe, typisch männlich, sofort in die Analyse.

Das lenkt ab, das schützt mich, damit kann ich eine Schutzblase um mich bilden, in der ich nicht jeden Moment damit rechnen muss, das diese Gefühle aus meinen Augen quellen und langsam als nasse, salzige Tränen an meinen Wangen herunterrinnen.

In Trauer baden

Ja, dieses Jahr ist es „schlimmer“, doch es ist gut so!

Schließlich sind 25 Jahre eine verdammt lange Zeit. 25 Jahre sind seit damals vergangen und morgen ist es soweit…

Morgen wäre er – NEIN – IST er 25 Jahre alt!

25 Jahre, in denen die Trauer immer da war, diese Fragen, was wäre gewesen wenn…

Und doch ist es diesmal anders – ich WILL in Trauer baden, ich lasse die Trauer zu, ich lebe mit und in ihr!

Ich weiß nicht, wie ich den heutigen Abend verbringen werde oder was ich morgen tun werde – sicher gehe ich ans Grab, doch das ist kein „Muss“, es ist ein „Kann“, ein „Wollen“.

Wahrscheinlich werde ich ein Glas Whisky auf und wer weiß, mit Ihm trinken – vielleicht gehe ich heute Nacht auf den Friedhof und erhebe um 12 Uhr das Glas an seinem Grab…

Ich werde eine Kerze anzünden, ein Licht in dunkler Nacht.

Komm großer schwarzer Vogel

Auf jeden Fall werde ich Musik hören:

You’ll never walk alone & Steh auf, wenn du am Boden bist

von den Toten Hosen.

Laut, richtig laut und noch etwas werde ich hören:

Ja, i werd‘ singen,
I werd‘ lachen,
I werd‘ „des gibt’s net“ schrei’n
I werd‘ endlich kapier’n
I werd‘ endlich glücklich sein!

I werd‘ singen
I werd‘ lachen
I werd‘ „des gibt’s net“ schrei’n
I werd endlich kapier’n
I werd‘ endlich glücklich sein!

aus „Komm großer schwarzer Vogel „von Ludwig Hirsch

Ich habe meinen Frieden mit Ihm geschlossen und ich habe meine Trauer akzeptiert – deswegen werde ich Feiern und Traurig sein – in einem Moment.

Denn ich Liebe Ihn, meinen Sohn, den ich vor 25 Jahren das erste Mal in den Armen halten durfte, nur um ihn gleich darauf wieder hergeben zu müssen.

Komm großer schwarzer Vogel
Komm großer schwarzer Vogel

Ich werde Trauern, mit Liebe im Herzen.

Und es ist gut so.

An all jene, die sich Fragen, ob es denn irgendwann mal „genug“ sein wird:

Nein, wird es nicht!

Es wird anders, es wird irgendwann nicht mehr so präsent sein, es wird jedoch immer da sein – egal wieviel Zeit vergangen ist.

Und das ist OK, Eure Trauer ist OK, lasst Sie zu, lebt Sie aus, lebt mit Ihr!

« Ältere Beiträge Neuere Beiträge »

© 2026 Azraels Reisen

Theme von Anders NorénHoch ↑

Cookie Consent Banner von Real Cookie Banner