Ein Leichenwagen und seine Erlebnisse

Kategorie: Friedhof (Seite 1 von 26)

Besuch eines Friedhofs

25 Jahre

Dünnhäutig

Dieses Jahr ist die Trauer wieder ganz nah, eine dünne Schicht liegt zwischen mir und dieser überbordenden Gefühlswelt, die mich droht in einem Sog zu verschlingen.

Warum ist das so? frage ich mich und gehe, typisch männlich, sofort in die Analyse.

Das lenkt ab, das schützt mich, damit kann ich eine Schutzblase um mich bilden, in der ich nicht jeden Moment damit rechnen muss, das diese Gefühle aus meinen Augen quellen und langsam als nasse, salzige Tränen an meinen Wangen herunterrinnen.

In Trauer baden

Ja, dieses Jahr ist es „schlimmer“, doch es ist gut so!

Schließlich sind 25 Jahre eine verdammt lange Zeit. 25 Jahre sind seit damals vergangen und morgen ist es soweit…

Morgen wäre er – NEIN – IST er 25 Jahre alt!

25 Jahre, in denen die Trauer immer da war, diese Fragen, was wäre gewesen wenn…

Und doch ist es diesmal anders – ich WILL in Trauer baden, ich lasse die Trauer zu, ich lebe mit und in ihr!

Ich weiß nicht, wie ich den heutigen Abend verbringen werde oder was ich morgen tun werde – sicher gehe ich ans Grab, doch das ist kein „Muss“, es ist ein „Kann“, ein „Wollen“.

Wahrscheinlich werde ich ein Glas Whisky auf und wer weiß, mit Ihm trinken – vielleicht gehe ich heute Nacht auf den Friedhof und erhebe um 12 Uhr das Glas an seinem Grab…

Ich werde eine Kerze anzünden, ein Licht in dunkler Nacht.

Komm großer schwarzer Vogel

Auf jeden Fall werde ich Musik hören:

You’ll never walk alone & Steh auf, wenn du am Boden bist

von den Toten Hosen.

Laut, richtig laut und noch etwas werde ich hören:

Ja, i werd‘ singen,
I werd‘ lachen,
I werd‘ „des gibt’s net“ schrei’n
I werd‘ endlich kapier’n
I werd‘ endlich glücklich sein!

I werd‘ singen
I werd‘ lachen
I werd‘ „des gibt’s net“ schrei’n
I werd endlich kapier’n
I werd‘ endlich glücklich sein!

aus „Komm großer schwarzer Vogel „von Ludwig Hirsch

Ich habe meinen Frieden mit Ihm geschlossen und ich habe meine Trauer akzeptiert – deswegen werde ich Feiern und Traurig sein – in einem Moment.

Denn ich Liebe Ihn, meinen Sohn, den ich vor 25 Jahren das erste Mal in den Armen halten durfte, nur um ihn gleich darauf wieder hergeben zu müssen.

Komm großer schwarzer Vogel
Komm großer schwarzer Vogel

Ich werde Trauern, mit Liebe im Herzen.

Und es ist gut so.

An all jene, die sich Fragen, ob es denn irgendwann mal „genug“ sein wird:

Nein, wird es nicht!

Es wird anders, es wird irgendwann nicht mehr so präsent sein, es wird jedoch immer da sein – egal wieviel Zeit vergangen ist.

Und das ist OK, Eure Trauer ist OK, lasst Sie zu, lebt Sie aus, lebt mit Ihr!

endlich. – ein Buch…

Über Trauer reden

Das Buch

Auf dieses Buch – welches erst vor kurzem erschienen ist – bin ich zufällig gestoßen . Es scheint fast, als ob ich dieses Buch lesen sollte.

Wir müssen unsere Trauer als das erkennen, was sie ist, sie annehmen und uns mit ihr arrangieren – wie seltsam, wie fehl am Platz sie uns auch zunächst erscheinen mag. Und wie wenig sie gerade in unser Leben passt.

Aus „endlich.“

Ich habe über 20 Jahre gebraucht, um meine Trauer um meinen Sohn anzunehmen und irgendwie bin ich immer noch dabei, mich mit meiner Trauer zu arrangieren…

Ja, Trauer passt nicht in unser Leben, genauso wenig wie der Tod. Und doch ist gerade „er“ eine feste Größe im Leben und die Trauer ist seine stille Begleiterin.

Die beiden Autorinnen beschreiben anhand Ihrer eignen Erfahrungen, wie das so ist – mit der Trauer, der Akzeptanz, des Arrangements damit.

Leben gerät aus der Spur, nur ein bisschen, als wäre mein Rad in eine schmale Rille direkt daneben gerutscht, als würde mein Gehirn das Bild von meinem linken und meinem rechten Auge nicht ganz übereinanderlegen. Zwei Schattenumrisse der nebeneinander geratenen Welt.

Aus „endlich.“

Diese Worte beschreiben sehr gut dieses Gefühl, welches ich in mir trage – dieses „allesisteinkleinwenigausdenfugengeraten“, dieser kleine, blinde Punkt im Sichtfeld des Lebens, seit…

…seit damals.

Doch sie beschreiben nicht nur, sie erzählen nicht nur – sie zeigen auch Möglichkeiten auf, Möglichkeiten, sich zu arrangieren mit der Trauer.

Jede:r darf, muss, kann seinen individuellen, seinen persönlichen Weg gehen, mit dem Tod, mit der Trauer umzugehen.

Und mit der Liebe, die randvoll in einem überschwappt und nicht weiß, wo sie hin soll – diese unfaßbare Menge an Gefühl, welche mit der Trauer einhergeht…

Die Liebe ist überall, wo wir dem Tod begegnen: in den Inschriften von Grabsteinen, Gruften und Steinplatten. In den Blumen, den Kerzen, den Kuscheltieren, die dort abgelegt werden, wo jemand gestorben ist.

Aus „endlich.“

Unsere Gesellschaft grenzt den Tod und die Trauer aus. Brandmarkt Trauernde mit der unerbittlichen Brutalität unserer heutigen „modernen“ Zeit.

Das Buch zeigt auch, das zwar der Tod alle gleich macht, jedoch nicht die Art und Weise, wie wir bestattet werden, wie wir die „letzte Reise“ antreten.

Wir müssen als Gesellschaft Mittel und Wege gegen die Ungleichheit im Tod finden. Jeder Mensch hat das Recht auf eine schöne Bestattung – und jede:r Zugehörige:r das Recht auf Trauer.

Aus „endlich.“

Dieses Buch holt das Thema Trauer wieder dorthin zurück, wo es hingehört – genauso wie den Tod – in die Mitte unserer Gesellschaft.

Doch nicht nur das – das Buch endet mit

Sieben Forderungen für Trauer in einer modernen Gesellschaft

die ich nur unterstreichen kann.

Es ist an der Zeit für eine neue (und alte) Trauerkultur!

Wir müssen uns die Toten zurückholen. Erst, wenn sie wieder in unserer Mitte sind, kann die Trauer es auch sein. Wir brauchen eine Umgebung, die das Fühlen zulässt!

Aus „endlich.“

Lasst uns reden! Über Trauer reden!

#staytuned

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